Abelitz-Aurich

Landkarte Abelitz-AurichAurich als Sitz der Provinzregierung verlangte natürlich auch bald nach dem Bau der Hannöverschen Westbahn nach einem Bahnanschluss. Der Bau einer Strecke von Neermoor über Aurich nach Norden – die Emden in eine Randlage gebracht hätte – und andere, ähnliche Vorschläge wurden indes nicht weiter verfolgt. Erst beim Bau der Ostfriesischen Küstenbahn (Eröffnung 1883) wurde Aurich schließlich berücksichtigt, die Provinzhauptstadt wurde aber nur über eine Stichstrecke von Georgsheil aus angebunden. Auch zur oft angeregten Verlängerung der Staatsbahnstrecke von Aurich nach Wittmund kam es nie.
In den Jahren 1903 bis 1906 wurde die Küstenbahn zwischen Emden und Norden auf eine eigene Trasse verlegt, da Betrieb unmittelbar neben der Landstraße wegen der damit verbundenen Einschränkungen unhaltbar geworden war. Dafür wurde ein neuer Abzweigbahnhof erforderlich, der westlich von Georgsheil entstand: der heutige Bahnhof Abelitz.
Nach dem Zweiten Weltkrieg begann der langsame Abstieg der Verbindung, schließlich wurde zum September 1967 der Personenverkehr nach Aurich eingestellt. Ende 1993 war auch Schluss mit dem Güterverkehr, der nur kurz von der Zustellung von Waggons zum Marinemunitionsdepot in Aurich-Tannenhausen überlebt wurde. Dann verlagerte auch die Bundeswehr ihren restlichen Frachtverkehr auf LKW.
Ständig zunehmende Transportmengen lenkten den Blick der örtlichen Wirtschaft nach dem Jahr 2000 aber zurück auf die Schiene. Am 17.03.2008 wurde die Strecke ein zweites Mal abgenommen, wenn auch „nur“ als Industriestammgleis. Nach langen Jahren des Wartens (siehe unten) wird der Güterverkehr am 4. April wieder aufgenommen. Die Wiederbelebung des Personenverkehrs wurde lebhaft diskutiert, aber scheint wieder in weiter Ferne.

Die Stationen: Abelitz, Georgsheil, Victorbur, Moordorf, Walle, Aurich.

Anschluss besteht


ABELITZ.

Abelitz
Ansichtskarte ohne Jahr, Verlag Heinrich Künne, Bremen

Der Bahnhof Abelitz entstand erst bei der Verlegung der Küstenbahn weg von der Landstraße auf eine eigene Trasse. Er erhielt zunächst den Namen Finkenburg (nach der vormaligen Haltestelle an der Chaussee Emden-Georgsheil), wurde aber bereits nach kurzer Zeit (wohl schon vor 1910, jedenfalls aber vor 1914) in Abelitz umbenannt.


GEORGSHEIL.

Georgsheil
Ansichtskarte, Poststempel 1900, Verlag Gebr. Pilz, Schlettau i./S.
Georgsheil
Topographische Karte 1:25.000, Blatt 1105, Ausgabe 1893 (Ausschnitt)

Die Karte zeigt die Situation in Georgsheil vor der in den Jahren 1903 bis 1906 erfolgten Verlegung der Küstenbahn. Auf der alten Trasse der Strecke nach Norden lag zwischen früherem Bahnhof und der Straßen nach Norden auch im Oktober 2006 noch ein Gleis (ehemaliger Anschluss), von der Brücke über den Abelitz-Moordorf-Kanal (am oberen Kartenrand) zeugen noch die Widerlager.

Fotografie Thomas Feldmann, 07.10.2006

Die Widerlager der Eisenbahnbrücke über den Abelitz-Moordorf-Kanal, westlich direkt daneben liegt die Brücke der Bundesstraße nach Norden.


VICTORBUR.


MOORDORF.


WALLE.


AURICH.

DIe Auricher Bahnhöfe
Ansichtskarte, Poststempel 1909, Verlag D. Friemann, Aurich


„Damals“: Die Strecke Abelitz – Aurich im Juni 2001

Am 19. Juni 2001 habe ich einen freien Nachmittag genutzt, um einen kurzen Spaziergang auf dieser Strecke zu machen. Zunächst wollte ich mich wegen einer entsprechenden Nachfrage nur vergewissern, ob die Weiche im Abzweig Abelitz noch vorhanden ist. Aber die Strecke ist auch sonst noch recht interessant, so dass ich einige hundert Meter im Bereich Abelitz-Georgsheil abgelaufen bin.
Der Anschluss an die Strecke Emden-Norden besteht nicht mehr, die Anschlussweiche ist bereits im Frühjahr 2000 ausgebaut worden. Vorhanden sind allerdings noch eine Schutzweiche mit dem dazugehörigen Stumpfgleis und das Einfahrtsignal (zwei Flügel, mit INDUSI-Magnet und Ersatzsignal) aus Richtung Aurich. Vom Signalfernsprecher steht aber nur noch das leere Gehäuse.
Auf dem Rückweg habe ich dann mein Augenmerk vor allem auf das Gleis gelegt. Insgesamt ist es mittlerweile recht „hübsch“ begrünt – einige Birken sind schon über einen Meter hoch – obwohl erst vor einigen Jahren (August 1996) hier eine Schaufahrt mit einem „Talent“ stattgefunden hatte, für die das Gleis komplett geräumt worden war. Wegen des schlechten Zustandes der Strecke durfte die Öffentlichkeit damals aber nur an einigen Pendelfahrten auf dem noch recht guten Gleis im Auricher Industriegebiet teilnehmen.
Die Schienen befinden sich augenscheinlich in einem – für das Alter – sehr guten Zustand, vom Rost mal abgesehen. Ich habe im Vorbeigehen Walzzeichen von 1907, 1915 und 1916 gefunden. Anders ist es dagegen um die Schwellen bestellt, die sich in sehr unterschiedlichen Stadien der Auflösung befinden: es reicht von „für eine Beetumrandung eigentlich noch zu gut“ über „schlecht“ bis hin zu „Mulch“ und „nicht mehr vorhanden“. Die Nägel mit dem Jahr der Tränkung reichen von 1907 bis in die vierziger Jahre (mit einigen „Ausreißern“ aus den frühen 50ern), die Masse stellen die späten 20er und die dreißiger Jahre. Erstaunlicherweise sind nicht die ältesten Schwellen die schlechtesten. Dem Erhaltungszustand nach zu urteilen fiel die Qualität etwa ab 1930/32 stark ab, die Jahrgänge bis ungefähr 1926/27 sind im großen und ganzen recht gut – teils auffallend – erhalten. Einige wenige Schwellen aus dem Jahr 1944 sind im Gleis eingebaut worden (jedenfalls auf dem von mir begangenen Abschnitt) und diese befinden sich im gleichen guten Zustand, wie die Exemplare aus den Zwanzigern, womit ich nicht gerechnet hätte. Entweder Zufall oder die Weltwirtschaftskrise machte den Schwellensägereien und -imprägnierwerken mehr zu schaffen, als der Krieg.

Zusammenfassend kann man sagen: Sollte die Eisenbahngesellschaft Ostfriesland-Oldenburg (EGOO) die Strecke Abelitz – Aurich tatsächlich übernehmen können (Bestrebungen in der Richtung gibt es seit Jahren), hätte man das Gleis nicht zu sanieren – die Arbeiten kämen eher einem Neubau gleich. Die mittlerweile fehlenden letzten zweihundert Meter beim Bahnhof Aurich mitsamt dem abgebauten Bahnübergang (Würde man die Wiedereinrichtung genehmigt bekommen?) stellen ein zusätzliches Problem dar. Bis vor kurzem hätte man noch auf die Abstellgleise (vom Bahnhof etwa 300 m Richtung Emden) ausweichen können, dort macht sich aber nun ein Stahlgroßhandel breit, der etwa die Hälfte der Anlagen als Lagerflächen nutzt. Die hinteren Gleise wurden etwa in der Mitte gekappt und entfernt, lediglich deren Weichen aus Richtung Abelitz mit jeweils einigen Metern Gleis liegen noch.

Aurich
Foto Thomas Feldmann, etwa 1995

Der Auricher Bahnhof (seit 1995 Nebengebäude des Auricher Gymnasiums Ulricianum) von der Straßenseite …

… und noch mal von der Gleisseite.

Vor dem Güterschuppen stand von 1996 bis 1999 ein D-Zug-Speisewagen als Cafeteria der Schule. Da das Schuppengleis kurz zuvor abgebaut worden war, wurden hier für dessen Aufstellung rund 30 m Gleis neu verlegt. Der Waggon befindet sich jetzt bei der Museumseisenbahn Küstenbahn Ostfriesland (MKO) in Norden.

Aurich
Foto Thomas Feldmann, etwa 1995

Aurich
Foto Thomas Feldmann, etwa 1995

Kein Biotop: Hier stand der Lokschuppen, der unter anderem von 1912 bis 1920 erst zwei-, dann dreiteilige Speichertriebwagen der Bauart Wittfeld beheimatete. Das Gebüsch rechts der Bildmitte sprießt in der Untersuchungsgrube.

1996: Ein „Talent“ auf einer Sonderfahrt nach Aurich (noch 10 km – siehe Wegweiser), der Triebwagen passiert gerade den Bahnübergang der Straße nach Uthwerdum.
Das Gleis verläuft zwischen Georgsheil und Aurich dicht neben der Bundesstraße B72 (beim Bau hieß das noch „auf der Chaussee“ und sparte beim Grunderwerb für die Strecke eine Menge Geld und Ärger), was die Wiederaufnahme des Betriebes nicht eben vereinfachte. In Moordorf beispielsweise hätte viele gerne gesehen, dass die Bahntrasse für die Verbreiterung der Bundesstraße genutzt worden wäre.

Foto Thomas Feldmann, 1996

© Thomas Feldmann, Emden (Ostfriesland)
erstellt 08.08.2006 – letzte Änderung 01.07.2018