Elektrische Kleinbahn Emden-Außenhafen

Elektrische Kleinbahn Emden-AußenhafenAls der Emder Bahnhof gebaut wurde, legten die Fährschiffe des Ems- und Inselverkehrs noch in der Stadtmitte an, ein Anleger entstand auch direkt vor dem Bahnhofsgelände (dort befindet sich heute die Wohnmobilstellfläche am Alten Binnenhafen). Nach dem Bau der Nesserlander Schutzschleuse verlagerte sich der Passagierschiffsverkehr zum Außenhafen, vom Bahnhof ein Weg von ungefähr vier Kilometern.

Um Abhilfe zu schaffen, soll eine Pferdeeisenbahn gebaut werden, für deren Bau der Emder Bäckermeister Reemt Reints Poppinga gewonnen werden kann (der kurze Zeit später auch eine Pferdebahn in Leer plant). Die Stadt Emden erteilt am 26.10.1883 eine Konzession für 50 Jahre, der Betrieb soll bis zum 15.06.1884 aufgenommen werden. Für den auf 93.000 Mark veranschlagten Bau gibt die Stadt einen Kredit von 20.000 Mark, dazu Amtshilfe für die notwendigen Genehmigungen.

Borkumer Kleinbahn
Zwei ehemalige Wagen der Emder Pferdebahn auf Borkum, nach dem dort erfolgten Umbau nur noch einstöckig (Ansichtskarte Verlag W. Haynel, Emden & Borkum, ca. 1895, Ausschnitt)

Anfangs geht alles recht zügig, der Bau schreitet schnell voran und Poppinga kauft sechs gebrauchte Wagen der Pferdebahn in Hannover, bis es unerwartete Probleme gibt: Die doppelstöckigen Waggons passen nicht unter dem Rathausbogen hindurch und die Gleise sind schlecht verlegt. Die Arbeiten geraten ins Stocken und werden schließlich eingestellt. Die Stadt Emden klagt auf Fertigstellung der Pferdebahn, aber im März 1885 steht fest: Poppinga kann nicht zum Weiterbau verpflichtet werden. Ab Mai werden die Gleise wieder ausgebaut und die Waggons nach Borkum verkauft, wo sie den Grundstock der Inselbahn bilden.

Obwohl es bereits einen regelmäßigen Verkehr mit Motorbooten gab, blieb die Bahnverbindung auf der Wunschliste. Im Jahr 1900 tritt Albert Ballin, Generaldirektor der HAPAG, an die Stadt heran, um die Sache voranzubringen. Der Magistrat ist dagegen, aber im Oktober des Jahres erhält Ballin Unterstützung aus Berlin in Person von Carl Schweckendieck, gebürtiger Emder und Oberregierungsrat im Ministerium für öffentliche Arbeiten, der sehr gute Verbindungen zu Oberbürgermeister Fürbinger besitzt.
Wieder geht alles ganz schnell. Noch im selben Monat meldet sich die Allgemeine Electricitäts-Gesellschaft (AEG) bei der Stadt: Man habe gehört, in Emden sei eine elektrische Eisenbahn geplant und wolle ein Angebot unterbreiten. Ein paar Tage später – immer noch Oktober 1900 – gehen Anfragen der Stadt Emden an drei damals führende Elektro-Unternehmen (AEG, Union Electricitäts-Gesellschaft und A.G. Phoebus) in die Post. Der Zuschlag geht an die AEG, die unbefristete Genehmigung wird am 23. August 1901 erteilt und bereits am 23. Februar 1902 erfolgt die Eröffnungsfahrt. Der auf fünfzig Jahre befristete Betriebsvertrag mit der Stadt Emden läuft bis zum 31.03.1952.

Elektrische Kleinbahn, Zeitschrift für Bauwesen 1902
Der Verlauf der elektrischen Kleinbahn auf einem Plan des Emder Hafens (aus: Zeitschrift für Bauwesen, Berlin 1902)

Kleiner Einschub: Es sprechen zwar fast alle von der Emder Straßenbahn, aber tatsächlich war es keine. Die preußische Gesetzgebung kannte diesen Begriff nicht und so beginnt die Genehmigungsurkunde mit der Einleitung
Auf Grund des Gesetzes über Kleinbahnen und Privatanschlußbahnen vom 28. Juli 1892 (G.-S. S. 225) wird der Stadt Emden im Einvernehmen mit der Königlichen Eisenbahndirektion zu Münster die Genehmigung zum Bau und Betriebe einer elektrischen Kleinbahn von Emden nach dem Außenhafen (Freibezirk) nach Maßgabe folgender Festsetzung und Bedingungen ertheilt.
Weiter wird in § 1 ausgeführt:
Durch Erlaß des Herrn Ministers der öffentlichen Arbeiten vom 29. Juni 1901 IV A. 3865/III 9501 ist bestimmt, daß die zu erbauende elektrische Kleinbahn nicht den Bestimmungen des Gesetzes vom 3. November 1838 zu unterstellen, sondern als Kleinbahn zu genehmigen ist. (Das genannte Gesetz von 1838 betrifft Vollbahnen.)
Es handelte sich also nicht um eine Straßenbahn, sondern um eine Kleinbahn, nur dass diese – im Gegensatz z. B. zur Kleinbahn Emden-Pewsum – elektrisch betrieben wurde.

Elektrische Kleinbahn Emden-Außenhafen, Tw 11
Triebwagen 11, gebaut 1910 durch die Waggonfabrik Uerdingen und die AEG (Werksfoto)

Der Verkehr entwickelt sich gut und so wird schnell daran gedacht, ein richtiges Streckennetz zu schaffen. Vor allem die Kaserne an der Auricher Straße im Norden Emdens soll an die Kleinbahn angebunden werden, eventuell der Bahnhof.  Der Erste Weltkrieg verhindert jedoch weitere Tätigkeiten und es bleibt bei der Strecke von Alten Markt zum Außenhafen. Im Zweiten Weltkrieg wird auch die Kleinbahn schwer in Mitleidenschaft gezogen und der Betrieb nur notdürftig aufrecht erhalten. Die Endhaltestelle am Alten Markt ist bald nicht mehr erreichbar, nach dem schweren Bombenangriff am 4. September 1944 enden die Züge aus Richtung Außenhafen an der Commerzbank. Im Herbst 1944 wird der Triebwagen 78 der Hagener Straßenbahn dem Emder Betrieb zugewiesen, da die noch betriebsfähigen eigenen Fahrzeuge kaum ausreichen.
Als beim Neuaufbau der Stadt Emden die Sanierung der Straße Am Delft ansteht, zeichnet sich schnell ab, dass das Ende bevorsteht. Ohnehin sind Teile des Magistrats dafür, den Betrieb aufzugeben. Das Interesse der

Tw 1 der Emder elektr. Kleinbahn
Triebwagen 1 (ehem. Hagener Straßenbahn 78) vor dem Café Funke am Alten Markt (Sammlung Peter Boehm)

AEG ist angesichts der zu erwarten Kosten für die Reparaturen eher gering (Neubau großer Teile der Strecke, Ersatz für die zerstörten Fahrzeuge). Emden sieht sich aber nicht in der Lage, den Betrieb in Eigenregie zu übernehmen. Um Zeit zu gewinnen einigt man sich darauf, dass die AEG den Betrieb auch nach Ablauf des Betriebsvertrages am 31. März 1952 fortführt, zunächst für ein Jahr. Zwar verstreicht auch dieser Termin, ohne dass sich etwas ändert, kurz daraus kommt aber das endgültige Aus: Die letzte Fahrt der Elektrischen Kleinbahn Emden Außenhafen erfolgt am 30. April 1953, schon ein paar Tage später wird der Abbruch ausgeschrieben und noch im Sommer sind Gleise und Fahrzeuge Geschichte.


Alter Markt

Emden, Alter Markt
Ansichtskarte, Cramers Kunstanstalt Dortmund, gelaufen 1930 (Ausschnitt)
Emden, Alter Markt
Ansichtskarte, Verlag W. B. Levy, Hamburg, ca. 1910

Der Ausgangspunkt der Strecke lag mitten in der Stadt am Alten Markt, nur ein paar Schritte von Rathaus und Ratsdelft entfernt. Hier bestand eine Ausweiche, damit die Triebwagen zum Fahrtrichtungswechsel umsetzen konnten.

Emden, Alter Markt
Ansichtskarte, Verlag M. Glückstadt & Münden, Hamburg, 1908

Ein Blick in die Gegenrichtung. Links mündet die Große Straße, rechts geht der Blick in den Stadtgarten. Der Rathausplatz ist rechts außerhalb des Bildes.
Von all den abgebildeten Gebäuden hat nur das Bankhaus Koppel (Bildmitte, mit Ecktürmchen) den Zweiten Weltkrieg überstanden und auch das nur schwer beschädigt.


Am Delft

Emden, Am Delft
Ansichtskarte ohne Verlag, ca. 1910

Dieser Blick die Straße Am Delft entlang bot sich vom oben erwähnten Bankhaus Koppel. Links ist der namengebende Ratsdelft zu sehen, der älteste Hafen Emdens.
Auch diese Häuser wurden ohne Ausnahme im letzten Krieg zerstört.

Emden, Am Delft
Ansichtskarte, Verlag Knackstedt & Näther, Hamburg, gelaufen 1913

Nur ein paar Meter weiter und aus etwas anderer Perspektive wurde diese Aufnahme gemacht.
Bei dem Triebwagen, der dort auf dem Weg zum Alten Markt ist, dürfte es sich um Nummer 1 handeln.

Emden, Am Delft
Ansichtskarte, Verlag Dr. Paul Wolf, Frankfurt/Main, etwa 1930 (Ausschnitt)

Nach der nächsten Kurve nähert sich die Strecke dem Depot der elektrischen Kleinbahn, das sich hinter dem Zollamt (das Gebäude in der Bildmitte) verbirgt.


Schweckendieckstraße

Emden, Schweckendieckstraße
Ansichtskarte, Verlag J. Röling, Emden, 1907

Triebwagen 2 fährt auf dem Weg zum Außenhafen durch die Schweckendieckstraße. Vor dem Gebäude im Hintergrund (zwischen Baum und Triebwagen) befindet sich der Schweckendieckplatz. Dort mündet von rechts kommend die Ringstraße, die Schweckendieckstraße führt rechts an diesem Haus vorbei, links des Gebäudes beginnt die Nesserlander Straße, an der auch die Kleinbahn weiter zum Außenhafen verläuft.
Der Bildtext dieser Ansichtskarte führt manchmal zu etwas Verwirrung, da dieser Bereich heute zur Straße Am Delft gehört.


Nesserland

Emden, Hotel Nesserland
Ansichtskarte, Verlag M. Glückstadt & Münden, Hamburg, ca. 1903

Das kurz vor dem Außenhafen gelegene Hotel Nesserland (auf der Karte falsch geschrieben) bekam eine eigene Haltestelle. Auch hier wurde wieder Triebwagen 2 abgelichtet, diesmal gut besetzt auf dem Weg in die Stadt.


Außenhafen

Emden-Außenhafen
Ansichtskarte, Verlag Richard Borek, Braunschweig, ca. 1910

Die Strecke der elektrischen Kleinbahn auf Höhe des Bahnhofes Emden-Außenhafen, dessen hölzernes Empfangsgebäude hier noch seinen Aussichtsturm besitzt.


Außenhafen

Emden, Außenhafen
Ansichtskarte ohne Verlag und Jahr, ca. 1914

Das eigentliche Ziel der elektrischen Kleinbahn befand sich ein Stück südlich des Bahnhofes: Die Anleger der Auswandererschiffe von HAPAG und Norddeutschem Lloyd (damals noch Konkurrenten).


© Thomas Feldmann, Emden (Ostfriesland)
erstellt 19.05.2019 – letzte Änderung 07.07.2019